Die Deportationsgeschichte der Familie Ikenberg

Die Deportationsgeschichte der Familie Ikenberg – Vortrag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus von Benedikt Heitmar

 

Am 27. Januar 2026 jährt sich der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zum 30. Mal. Der bundesweite Gedenktag erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee. Aus diesem Anlass lädt der Heimat- und Geschichtsverein Altenbeken in Kooperation mit der VHS Altenbeken zu einem öffentlichen Vortrag von Benedikt Heitmar ein, der am 25. Januar 2026 von 18 bis 20 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Haus (Eichendorffstr. 9, Altenbeken) stattfindet.

Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Deportationsgeschichte der jüdischen Familie Ikenberg aus Altenbeken. Zum 1. Januar 1933 lebten insgesamt 15 jüdische Personen im Ort – darunter die Familien Ikenberg. Diese war über Jahrzehnte ein sichtbarer und anerkannter Teil des Ortsgemeinschaft. Sie wohnte zentral neben dem heutigen Marktplatz, unweit der katholischen Volksschule und des Konsums. In der Vereinschronik des Turnvereins Altenbeken wird ein langjähriger Turnbruder Ikenberg erwähnt, der sich als Kassierer engagierte und im Bauausschuss der 1932 eingeweihten Turnhalle an der Melmeke mitwirkte. Zudem waren Mitglieder der Familie mehrfach als Repräsentanten der Driburger Synodialgemeinde gewählt worden, zu der Altenbeken gehörte.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich diese Situation grundlegend. Der Marktplatz, direkt neben dem Wohnhaus der Familie Ikenberg, wurde in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt und entwickelte sich zum symbolischen Zentrum nationalsozialistischer Aufmärsche und Feiern. Durch die NS-Propaganda aufgeheizt kam es auch in Altenbeken zu offener Gewalt: Während der Novemberpogrome 1938 sowie erneut am 13. Oktober 1940 wurde die Familie Ikenberg Opfer gewaltsamer Übergriffe. Bei dem nächtlichen Angriff im Jahr 1940 mussten Familienmitglieder sogar zu ihrem Gartengrundstück am Brande fliehen, um sich zu schützen.

Den Höhepunkt der Verfolgung bildete die Deportation im Dezember 1941. Am 10. Dezember 1941 wurde die Familie Ikenberg in Begleitung von Polizei- und Gemeindebeamten von Altenbeken zum Paderborner Nordbahnhof gebracht. Über die Sammelstelle am „Kyffhäuser“ in Bielefeld erfolgte schließlich am 13. Dezember 1941 die Deportation vom Hauptbahnhof Bielefeld in das Ghetto Riga, das nach einer dreitägigen Fahrt am 16. Dezember 1941 erreicht wurde.

Während Auschwitz im kollektiven Gedächtnis als Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik verankert ist, ist das Ghetto Riga – von dem Historiker Diethard Aschoff als „westfälisches Auschwitz“ bezeichnet – deutlich weniger präsent. Der Vortrag legt daher einen besonderen Schwerpunkt auf die unmenschlichen Lebensbedingungen
im Ghetto Riga, denen auch ein Großteil der Familie Ikenberg im Winter 1941/42 ausgesetzt war. Einzig die Schwestern Ilse und Rosa Ikenberg überlebten aus dem Altenbekener Familienzweig. Eine Gedenktafel und Stolpersteine am früheren Wohnort in Altenbeken erinnern bis heute an die in Riga ermordeten Familienmitglieder.

Benedikt Heitmar verbindet die lokale Geschichte mit aktuellen Formen der Erinnerungskultur. Vorgestellt werden unter anderem umfangreiche Bildquellen aus neueren geschichtswissenschaftlichen Projekten wie „#lastseen“ unter der Leitung von Dr. Aline Bothe der Freien Universität Berlin sowie eine virtuelle Tour des „Museums des Rigaer Ghettos und des Holocaust“, die die bis heute sichtbaren Spuren des Ghettos dokumentiert. Darüber hinaus werden die Erinnerungsbemühungen des Riga-Komitees, eines Städtebündnisses zum Gedenken an die Deportationen, vorgestellt.

Der Vortrag möchte dazu beitragen, die Schicksale der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Altenbeken sichtbar zu machen und ihren letzten Weg nachzuzeichnen –
als bewussten Beitrag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und zur Verantwortung für eine lebendige Erinnerungskultur.

 

Abbildung 1: Am Abfahrtsgleis des Zuges nach Riga ist der Bielefelder Hauptbahnhof überfüllt. Auch die aus Altenbeken deportierten Mitglieder der Familie Ikenberg mussten sich hier zwischen Jüdinnen und Juden aus Münster und dem Münsterland einen Platz in den überfüllten Waggons suchen (Foto: Stadtarchiv Bielefeld).

 

Abbildung 2: Virtuelle Rekonstruktion des Ikenbergschen Wohnhauses neben dem Marktplatz anhand historischer Fotografien (Foto: Benedikt Heitmar).

 

Abbildung 3: Gedenkstätte Riga-Bikernieki, wo Mitgliedsstädte des Riga-Komitees, wie hier Paderborn, einen Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Mitbürgerinnen und Mitbürger aufstellen können (Foto: Christian Michelidis)